Wenn Vorfreude und Unsicherheit zusammen sind
Heute steht etwas Tolles bevor: Wir machen einen Ausflug zu einem neuen Abenteuerspielplatz. Ich freue mich auf den Ausflug und bin neugierig auf alles, was dort wartet. Gleichzeitig bin ich auch ein bisschen unsicher.
Heute steht etwas Tolles bevor: Wir machen einen Ausflug zu einem neuen Abenteuerspielplatz.
Einige meiner Freunde waren schon dort und haben mir davon erzählt. Es soll richtig toll sein, mit vielen Kletterparcours und Rutschen, sogar ganz hohen Rutschen.
Ich will unbedingt hin. Ich möchte sehen, ob es dort wirklich so bunt ist, wie sie erzählen, möchte klettern, entdecken und all die aufregenden Sachen ausprobieren.
Und dann denke ich an die ganz hohe Rutsche.
Traue ich mich dort wirklich runter? Ist das nicht gefährlich? Was, wenn der Kletterparcours schwieriger ist, als ich denke? Was, wenn ich etwas heute noch nicht so gut kann?
Ich freue mich auf den Ausflug und bin neugierig auf alles, was dort wartet. Gleichzeitig bin ich auch ein bisschen unsicher.
Beides ist gerade da.
Wenn wir genauer hinschauen
Von aussen kann das widersprüchlich wirken. Ein Kind möchte unbedingt zu diesem neuen Spielplatz, erzählt begeistert davon, stellt sich die Rutschen vor und will wissen, was seine Freunde dort schon entdeckt haben.
Gleichzeitig fragt es sich vielleicht, wie hoch die Rutsche wirklich ist, ob es sich traut, ob es das schon kann oder ob alles anders sein wird, als es sich das vorgestellt hat.
Vielleicht hilft es, dieses Nebeneinander nicht als Widerspruch, sondern als verschiedene Teile desselben inneren Erlebens zu verstehen. Denn verschiedene Gefühle können sich auf dieselbe Situation beziehen: Das Neue kann anziehen und gleichzeitig unsicher machen.
Die hohe Rutsche kann genau das sein, worauf sich ein Kind besonders freut, und gleichzeitig das, bei dem noch viele Fragen auftauchen.
Das eine macht das andere nicht weniger echt.
Ein Gefühl ist nicht die ganze Situation
Wir versuchen Gefühle oft einzeln zu benennen. Manchmal kann das helfen, etwas im Inneren greifbarer zu machen. Im Erleben ist es aber nicht immer so sauber getrennt.
Gefühle können sich überlagern, gleichzeitig da sein und in gleiche oder scheinbar widersprüchliche Richtungen zeigen. Neuere Forschung zeigt, dass Kinder innerhalb derselben Situation mehrere emotionale Reaktionen wahrnehmen können. Wie deutlich diese Gleichzeitigkeit sichtbar wird, hängt auch davon ab, wie viel Raum sie bekommen, unterschiedliche Gefühle auszudrücken. Gerade einfache Entweder-oder-Fragen können deshalb zu kurz greifen.
Ein Kind kann verschiedene Seiten einer Situation wahrnehmen und trotzdem zunächst nur ein Gefühl davon benennen. „Ich freue mich.“ kann wahr sein und „Ich bin unsicher.“ kann gleichzeitig ebenfalls wahr sein.
Wir entscheiden nicht von aussen, welcher Satz das Kind „besser“ beschreibt. Wir hören zu und nehmen wahr.
Was dabei zusammenkommen kann
Bei etwas Neuem fehlt noch ein Teil der eigenen Erfahrung. Das Kind weiss vielleicht, was andere erzählt haben, und hat daraus Bilder und Vorstellungen entwickelt. Aber es war selbst noch nicht dort.
Genau darin können verschiedene innere Bewegungen entstehen. Das Unbekannte kann neugierig machen: Ich möchte wissen, wie es dort ist. Es kann zum Erkunden einladen: Ich möchte das ausprobieren. Gleichzeitig können Fragen offenbleiben: Was erwartet mich dort?
Neugier und Unsicherheit sind deshalb nicht einfach zwei Enden derselben Skala. Kinder können auf neue und noch nicht vollständig vorhersehbare Situationen unterschiedlich reagieren. Offene Fragen können Informationssuche und Erkunden anregen, während gleichzeitig Unsicherheit darüber bestehen kann, was einen erwartet.
Manchmal ist die Neugier stärker spürbar, manchmal die Unsicherheit, und manchmal sind beide nahezu gleich präsent. Dieses Verhältnis muss auch nicht gleich bleiben, sondern kann sich schon im nächsten Moment wieder verändern.
Wenn sich unterwegs etwas verändert
Dann sind wir auf dem Abenteuerspielplatz. Das Kind nimmt selbst wahr, was es sieht, und vergleicht es vielleicht ganz unbewusst mit den Erzählungen der anderen und den Bildern, die daraus im Kopf entstanden sind.
Die hohe Rutsche sieht von unten noch aufregender aus, als ich sie mir vorgestellt habe. Ich möchte unbedingt hinauf und steige die Treppe hoch.
Oben sieht alles plötzlich anders aus. Puh, ganz schön hoch.
Meine Neugier ist noch immer da, aber die Unsicherheit ist gerade stärker spürbar geworden. Das verändert nicht, was vorher war: Ich habe mich heute Morgen wirklich gefreut, auch auf dem ganzen Weg hierher. Ich wollte unbedingt diese Rutsche ausprobieren. Jetzt, hier oben, wird mir trotzdem mulmig und ich werde unsicher.
Die Vorfreude am Morgen war echt, und mein Gefühl jetzt ist es ebenfalls.
Vielleicht rutsche ich. Vielleicht brauche ich jemanden bei mir oder möchte erst einmal sehen, wie ein anderes Kind hinunterrutscht. Vielleicht entscheide ich mich auch, die Treppe wieder hinunterzugehen.
Keine dieser Möglichkeiten macht die anderen Gefühle falsch.
Ausprobieren darf etwas verändern
Gefühle bleiben nicht immer gleich. Neue Erfahrungen können verändern, was gerade stärker spürbar ist.
Vielleicht merkt das Kind nach dem ersten Kletterelement: Das kann ich. Daraus kann Lust auf das nächste entstehen. Es kann aber ebenso merken: Das ist mir gerade zu viel. Auch das ist eine Erfahrung.
Ausprobieren muss deshalb nicht bedeuten, etwas bis zum Ende machen zu müssen. Es kann genauso bedeuten, herauszufinden, wie sich etwas tatsächlich anfühlt und was im Moment passt.
Vielleicht trägt die Neugier heute ein Stück weiter. Vielleicht braucht die Unsicherheit gerade mehr Raum und das Kind möchte anhalten, zuschauen, jemanden um Unterstützung bitten oder wieder zurückgehen.
Morgen kann es schon anders sein. Beide Gefühle können sich verändern, wenn neue Erfahrungen dazukommen, ohne dass vorher feststehen muss, wohin diese Veränderung führen soll.
Den eigenen Rhythmus finden
Begleitung kann dabei Sicherheit geben, ohne ein Ziel vorzugeben. Das Kind darf wissen, dass es fragen und ausprobieren kann, dass es aufhören oder wieder herunterkommen darf, dass es jemanden bitten kann mitzukommen, erst einmal zuschauen oder heute Nein sagen und morgen noch einmal schauen darf.
Diese Möglichkeiten müssen nicht dazu dienen, das Kind am Ende doch auf die hohe Rutsche zu bringen. Die hohe Rutsche ist nicht das Ziel.
Entscheidend ist, dass das Kind erleben kann, dass seine Wahrnehmung zählen darf. Es muss seine Unsicherheit nicht überwinden, um etwas richtig zu machen. Vielleicht passt Ausprobieren gerade, vielleicht noch nicht. Vielleicht braucht es mehr Informationen, jemanden an seiner Seite oder einfach Zeit.
Genauso wenig muss es seine Neugier zurückhalten, nur weil daneben noch Unsicherheit vorhanden ist. Es darf selbst herausfinden, welcher nächste Schritt heute passt.
Das Kind bestimmt den Rhythmus.
Beziehung wirkt mit
Dabei kann die Umgebung einen wichtigen Unterschied machen. Wenn ein Kind weiss, dass es ausprobieren und wieder zurückgehen darf, entsteht Raum für die eigene Wahrnehmung.
Es darf oben auf der Rutsche stehen und merken: Jetzt möchte ich nicht rutschen. Dann darf es wieder herunterkommen, ohne dass bewertet wird, wie mutig es war, wie sehr es sich vorher gefreut hat oder was andere Kinder schon können.
Vielleicht möchte es später noch einmal hinauf, vielleicht morgen oder vielleicht gar nicht. Keine dieser Möglichkeiten muss von aussen zu einer besseren oder schlechteren gemacht werden.
Begleitung bedeutet hier nicht, die Richtung festzulegen. Sie kann bedeuten, da zu sein, Informationen zugänglich zu machen, Unterstützung anzubieten und dem Kind zuzutrauen, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen.
Statt nach dem zu suchen, was das Kind jetzt tun sollte, kann die Frage offenbleiben:
Was passt gerade für dich?
Vielleicht braucht es darauf keine Antwort in Worten. Manchmal zeigt sich die Antwort einfach im nächsten Schritt.
Wenn mehr als eines wahr sein darf
Ein Kind kann begeistert auf einen neuen Spielplatz laufen und trotzdem vor etwas stehen bleiben. Es kann etwas unbedingt ausprobieren wollen und dann stoppen, unsicher sein und trotzdem weitergehen oder Hilfe brauchen und gleichzeitig neugierig bleiben.
Ein Zögern macht die Vorfreude nicht unecht. Ein Schritt nach vorne lässt die Unsicherheit nicht automatisch verschwinden, und ein Schritt zurück bedeutet nicht, dass etwas gescheitert ist.
Beim Ausprobieren kann sich etwas verändern. Vielleicht wird die Neugier grösser oder es entsteht mehr Sicherheit. Vielleicht bleibt die Unsicherheit heute noch bestehen, und morgen fühlt sich alles schon wieder anders an.
Das Kind darf den Rhythmus bestimmen.
Denn keines der Gefühle muss zuerst verschwinden, damit das andere da sein kann.
Mehrere Gefühle können gleichzeitig da sein.