Wenn beide gerade nicht wissen, wie
Über fehlende Worte, den Wunsch zu helfen und Gefühle, die leicht übersehen werden.
Wenn die Worte fehlen
«Wie war die Schule?» Eine Frage wie jeden Tag. Und dann folgt eine Antwort, die ich schon ahne, aber doch nicht ganz glauben kann. «Weiss nicht.»
Mit einem Schulterzucken geht Lio einfach in sein Zimmer. Die Schultasche bleibt im Gang stehen. An manchen Tagen hat er Tränen in den Augen, die er zu verbergen versucht. An anderen höre ich, wie er in sein Kissen boxt und schimpft.
Ich merke auch heute wieder sofort, dass etwas anders ist, und habe viele Fragen im Kopf. Vielleicht war der Tag anstrengend? Ist etwas passiert? Hatte er Streit? Oder, oder, oder.
Ich möchte so gerne verstehen, was mein Kind beschäftigt. Ich möchte ihm helfen, aber ich muss doch erst wissen, wobei ich ihm helfen kann. Also frage ich nach, wie schon in den letzten Tagen. Versuche nochmals, einen Zugang zu finden, oder überlege, was ihm gerade helfen könnte.
Aber wieder erfahre ich nicht mehr.
Es ist nicht das erste Mal. Die Nachmittage häufen sich, an denen Lio so nach Hause kommt. Und jedes Mal frage ich mich aufs Neue, was ich vielleicht übersehen habe.
Wenn ich selbst nicht mehr weiterweiss
Ich sehe doch, dass etwas anders ist. Ich erkenne die Anspannung in Lios Gesicht und merke, dass er sich in den letzten Tagen anders verhält.
Deshalb bin ich überzeugt, dass ihn etwas beschäftigt. Aber was?
Ich überlege, ob ich vielleicht die falschen Fragen stelle. Ob ich ihn besser in Ruhe lassen sollte. Vielleicht hilft es, wenn wir gemeinsam etwas unternehmen? Oder sollte ich einfach abwarten, bis er von selbst erzählt?
Aber wie lange soll ich warten? Was, wenn ihn tatsächlich etwas belastet und er meine Hilfe braucht?
Ich möchte ihn nicht bedrängen, aber auch nicht allein lassen. Also suche ich weiter nach einem Zugang. Versuche, aus seinem Verhalten etwas herauszulesen, und gehe in Gedanken die vergangenen Tage durch.
Vielleicht habe ich etwas übersehen. Vielleicht frage ich zum falschen Zeitpunkt. Vielleicht gibt es etwas, das ich noch gar nicht bedacht habe.
Und während ich so sehr damit beschäftigt bin, herauszufinden, was mit Lio los ist, merke ich langsam, dass ich selbst nicht mehr weiss, was ich noch sagen oder tun soll.
Eigentlich wollte ich ihm helfen.
Jetzt fühle ich mich selbst hilflos.
Was ein «Weiss nicht» offenlässt
Was Lio an diesen Nachmittagen tatsächlich erlebt, bleibt offen.
Vielleicht ist während des Schultages einiges zusammengekommen. Ein Streit, eine Enttäuschung, viele Eindrücke oder Erwartungen, die anstrengend waren. Vielleicht war es auch ein schöner Tag, der viel Kraft gebraucht hat.
Nicht alles, was Menschen erleben, wird im selben Moment bewusst wahrgenommen oder eingeordnet. Manchmal gelingt es während einer Situation noch, weiterzumachen. Erst später wird spürbar, wie viel zusammengekommen ist.
Auch Gefühle müssen nicht einzeln und klar voneinander getrennt auftreten. Freude über etwas Gelungenes kann neben Enttäuschung über etwas anderes stehen. Erschöpfung und Ärger können gleichzeitig vorhanden sein, ohne dass sofort erkennbar wird, welches Gefühl gerade im Vordergrund steht.
Etwas zu spüren, zu erkennen, was es ist, und es anschliessend jemand anderem verständlich zu machen, sind unterschiedliche Vorgänge.
Ein Kind kann deutlich wahrnehmen, dass sich etwas unangenehm anfühlt, ohne bereits zu wissen, welches Gefühl dahintersteht.
Vielleicht weiss es aber auch ganz genau, was es beschäftigt, findet nur gerade keinen Weg, es auszudrücken.
Gefühle können sich auch über Situationen, körperliche Empfindungen, Erinnerungen und Erfahrungen mit anderen Menschen zeigen. Kinder verbinden sie auf unterschiedliche Weise mit dem, was sie erleben. Was sie davon sprachlich beschreiben können, muss nicht alles umfassen, was sie innerlich beschäftigt.
Gerade wenn schon vieles zusammenkommt, kann die zusätzliche Aufgabe, das Erlebte zu sortieren und jemand anderem verständlich zu machen, schwerfallen.
Manchmal fehlen die Worte, obwohl das Kind gerne erzählen würde.
Und manchmal möchte es auch einfach nicht darüber sprechen.
Eine Antwort wie «Weiss nicht» kann deshalb ganz Unterschiedliches bedeuten. Sie lässt nicht erkennen, wie viel ein Kind wahrgenommen, verstanden oder bereits für sich eingeordnet hat.
Für die Menschen, die ihm nahestehen, kann damit ausgerechnet das unklar bleiben, was sie am liebsten verstehen würden.
Wenn zwei Menschen nicht wissen, wie
Bei Lio und seinem Elternteil begegnen sich zwei unterschiedliche Perspektiven.
Auf der einen Seite steht der Wunsch, zu verstehen und zu helfen. Die Fragen nach dem Schultag sollen einen Zugang schaffen. Vielleicht auch die Sorge verringern, dass etwas Wichtiges übersehen wird.
Auf der anderen Seite steht Lio, der möglicherweise gerade gar keine Antwort geben kann. Vielleicht braucht er Ruhe, weil schon das Nachdenken über seinen Tag anstrengend ist. Vielleicht möchte er erzählen, findet aber keinen Anfang.
Was als Interesse und Unterstützung gemeint ist, kann für das Kind in diesem Moment wie eine weitere Anforderung wirken.
Und was das Kind vielleicht als Rückzug oder als Möglichkeit erlebt, erst einmal für sich zu sein, kann beim Elternteil die Sorge verstärken, keinen Zugang zu finden.
So kann es geschehen, dass zwei Menschen einander erreichen möchten, aber gerade nicht wissen, wie.
Vielleicht fragt die erwachsene Person weiter, weil sie helfen möchte. Vielleicht zieht sich Lio noch mehr zurück, weil er gerade nichts erklären kann oder möchte.
Manchmal entstehen daraus Missverständnisse oder Spannungen. Die ursprüngliche Absicht einer Frage und das, was sie beim Gegenüber auslöst, müssen nicht übereinstimmen.
Es kann aber auch ganz anders verlaufen.
Vielleicht sitzen beide später eine Weile am Tisch, ohne über den Schultag zu sprechen. Nicht, weil damit schon etwas gelöst wäre, sondern weil gerade keine weiteren Worte da sind. Vielleicht beginnt Lio irgendwann von sich aus zu erzählen. Oder die Frage bleibt unbeantwortet.
Was zwischen beiden geschieht, hängt auch davon ab, wie sie die Situation erleben und aufeinander reagieren.
Dabei müssen ihre Gefühle nicht dieselben sein.
Lio kann erschöpft sein, während sein Elternteil Sorge empfindet. Die erwachsene Person kann sich hilflos fühlen, obwohl Lio selbst gerade nur Ruhe möchte.
Und manchmal erleben möglicherweise beide Hilflosigkeit.
Das Kind, weil es keinen Weg findet, das eigene innere Erleben auszudrücken.
Die erwachsene Person, weil sie helfen möchte und gerade nicht weiss, wie.
Beide können in derselben Situation das Gefühl haben, nicht weiterzukommen. Was dieses Erleben für sie bedeutet und wodurch es entsteht, muss deshalb nicht dasselbe sein.
Wenn Hilflosigkeit kein Alter kennt
Hilflosigkeit ist kein Gefühl, das mit dem Erwachsenwerden verschwindet.
Vielleicht finden wir im Laufe unseres Lebens andere Worte dafür. Vielleicht haben wir Erfahrungen gesammelt, auf die wir zurückgreifen können, oder gelernt, bestimmte Gefühle weniger nach aussen zu zeigen.
Trotzdem kennen auch Erwachsene Situationen, in denen sie nicht wissen, was sie als Nächstes sagen oder tun sollen.
Gerade wenn wir Kinder begleiten, richtet sich unsere Aufmerksamkeit häufig auf deren Gefühle und Bedürfnisse.
Was beschäftigt mein Kind? Was braucht es gerade? Was könnte ihm helfen?
Dabei kann leicht übersehen werden, dass auch in uns selbst etwas geschieht.
Wenn dieselben Fragen an mehreren Nachmittagen unbeantwortet bleiben, kann zur anfänglichen Sorge noch etwas hinzukommen. Vielleicht Frustration, weil ein Gespräch wieder nicht zustande gekommen ist. Vielleicht Erschöpfung, weil die Gedanken ständig um dieselbe Situation kreisen. Oder Hilflosigkeit, weil trotz aller Überlegungen kein Weg erkennbar wird.
Während das Kind möglicherweise nicht weiss, wie es etwas ausdrücken soll, weiss die erwachsene Person vielleicht nicht, was sie Hilfreiches tun kann.
Dieses Gefühl kann sich unterschiedlich zeigen. Vielleicht im Rückzug, im Grübeln oder im wiederholten Versuch, doch noch eine Antwort zu finden.
Und während sich die Aufmerksamkeit auf das Erleben des Kindes richtet, bleibt die eigene emotionale Belastung möglicherweise lange unbeachtet.
Dabei verdient sie nicht erst dann Aufmerksamkeit, wenn sie die Begleitung des Kindes beeinflusst, sondern auch deshalb, weil sie zum eigenen Erleben der erwachsenen Person gehört.
Auch die Grossen dürfen gesehen werden
Wer sich um die Gefühle eines anderen Menschen sorgt, verliert die eigenen manchmal aus dem Blick.
Das ist besonders dann möglich, wenn eine Situation unklar bleibt und der Wunsch zu helfen immer wieder auf fehlende Antworten trifft.
Die Gefühle einer erwachsenen Bezugsperson wahrzunehmen bedeutet aber nicht, dass das Kind dafür verantwortlich wird.
Ein Kind muss die Hilflosigkeit seiner Eltern nicht auflösen. Es muss keine Erklärung liefern, damit sich die Erwachsenen wieder sicherer fühlen können.
Gleichzeitig müssen die Gefühle der Erwachsenen deshalb nicht unsichtbar bleiben.
Vielleicht ist da Sorge. Vielleicht Enttäuschung, Erschöpfung oder Hilflosigkeit. Vielleicht auch vieles gleichzeitig.
Nicht jedes Gefühl lässt sich sofort einordnen. Und nicht jedes verlangt unmittelbar nach einer Lösung.
Manchmal braucht ein Kind Zeit, um zu verstehen, was es empfindet oder was es mitteilen möchte.
Und manchmal braucht auch die erwachsene Person einen Moment, um überhaupt zu bemerken, was eine Begegnung in ihr selbst auslöst.
Beide Erfahrungen dürfen wahrgenommen werden, ohne dass die eine zur Aufgabe des anderen wird.
Die Schultasche steht noch immer im Gang
Ob Lio morgen erzählen möchte, weiss ich nicht.
Vielleicht kommt er nach Hause und berichtet von seinem Tag. Vielleicht zieht er sich wieder zurück, und ich stehe erneut vor all den Fragen, auf die ich keine Antwort finde.
Ich weiss auch nicht, ob ich dann besser verstehen werde, was ihn beschäftigt.
Die Schultasche steht noch immer im Gang. Lio ist in seinem Zimmer, und ich bin mit meinen Gedanken zurückgeblieben.
Ich habe die ganze Zeit versucht herauszufinden, was er fühlt und was ihm helfen könnte.
Dabei habe ich fast übersehen, was diese Situation mit mir selbst macht.
Vielleicht weiss Lio gerade nicht, was er sagen möchte.
Und ich weiss nicht, was ich tun kann.
Aber heute habe ich zumindest bemerkt, dass nicht nur er mit etwas beschäftigt ist.
Ich auch.
Und vielleicht darf auch mein eigenes Gefühl erst einmal da sein.