Wenn der eigene Massstab ins Wanken gerät

Ein selbst gefädeltes Armband, ein Satz eines anderen Kindes, später viele sichtbare Reaktionen unter kurzen Videos. Diese Woche schauen wir darauf, wie sich die eigene Einschätzung verändern kann — und wie wahrnehmbar bleibt, woher diese Veränderung kommt.

Ich sitze am Tisch und fädle Perlen auf ein Band. Manche Farben lege ich wieder zurück, andere passen genau so zusammen, wie ich es mir vorstelle. In die Mitte kommt eine orange Perle und daneben mein Lieblingsanhänger.

Als ich fertig bin, halte ich das Armband vor mich. Genau so wollte ich es haben.

Am nächsten Tag sieht ein anderes Kind mein Armband und sagt:

„Oh, das Orange hätte ich nicht genommen.“

Mehr sagt es gar nicht. Vielleicht meint es das nicht einmal abwertend. Es hätte einfach eine andere Farbe gewählt.

Trotzdem schaue ich noch einmal auf mein Armband. Die orange Perle ist noch dieselbe und der Anhänger auch. Gestern fand ich alles genau richtig.

Und plötzlich taucht ein Gedanke auf, der vorher noch gar nicht da war.

Sieht es vielleicht doch nicht so gut aus?

Wenn zur eigenen Einschätzung eine andere dazukommt

Bis zu diesem Moment wusste ich ziemlich genau, wie ich mein Armband fand. Jetzt sehe ich nicht mehr nur die orange Perle und meinen Anhänger. Da ist auch der Blick des anderen Kindes darauf.

Beides liegt von nun an nebeneinander.

Dass andere Menschen unseren Blick verändern können, ist nichts Ungewöhnliches. Wir lernen voneinander, entdecken andere Möglichkeiten und erfahren durch Rückmeldungen auch, wie etwas auf andere wirkt.

Schon im Primarschulalter kann die Einschätzung Gleichaltriger neben das eigene Urteil treten und es mitbewegen.

Das bedeutet nicht, dass die eigene Meinung einfach verschwindet. Eine andere Einschätzung kann aber zu etwas hinzukommen, das sich vorher ziemlich klar angefühlt hat.

Aus „Mir gefällt mein Armband“ kann eine neue Frage werden.

Gefällt es mir auch noch, wenn andere es nicht schön finden?

Hier können Zweifel entstehen. Nicht unbedingt daran, was passiert ist, sondern an der eigenen Einschätzung.

Manchmal zweifle ich an meiner Meinung.

Wenn aus einer Meinung viele sichtbare Reaktionen werden

Später schaue ich kurze Videos auf dem Handy. Zwischen den Clips taucht jemand auf, der ebenfalls Armbänder macht.

Die Farben sehen anders aus als bei meinem. Unter dem Video stehen viele begeisterte Kommentare. Es wurde sehr oft angesehen. Im nächsten Video sehe ich eine ähnliche Farbkombination. Dann noch eine.

Plötzlich steht nicht mehr nur die Meinung des Kindes vom Morgen neben meiner eigenen.

Unter den Videos sehe ich viele Menschen, die andere Armbänder schön finden. Ich kenne sie nicht. Trotzdem sind ihre Reaktionen sichtbar.

Menschen liken die Videos. Andere schreiben, wie schön sie die Armbänder finden. Manche Kombinationen tauchen immer wieder auf und die Person, die sie zeigt, hat viele Follower.

Mein Armband liegt noch immer neben mir. Die orange Perle ist dieselbe wie gestern.

Nur schaue ich jetzt nicht mehr allein auf sie. Ich sehe sie neben all den anderen Farbkombinationen und den Reaktionen darauf.

Wenn Rückmeldungen zählbar werden

Digitale Räume fügen unserer Orientierung etwas Besonderes hinzu. Zustimmung kann dort nicht nur wahrgenommen, sondern auch sichtbar gezählt und verglichen werden.

Ein Video erhält wenige Reaktionen, ein anderes sehr viele. Eines wurde hundertmal angesehen, ein anderes hunderttausendmal. Manche Menschen haben wenige Follower, andere sehr viele.

Diese Zahlen sagen nicht automatisch etwas darüber aus, wie schön, sinnvoll oder passend etwas ist.

Sie können aber zu einer zusätzlichen Information werden.

Sichtbare Rückmeldungen können Gewicht bekommen. Wie stark sie ins Gewicht fallen, kann von der Person, der Situation und der Art der Rückmeldung abhängen.

Ein Like entscheidet nicht über den Wert einer Sache. Und sichtbare Zahlen sind nicht für alle gleich wichtig.

Aber aus der Frage „Wie finde ich das?“ kann leichter noch eine zweite werden.

Wie finden es die anderen?

Beide Fragen dürfen gleichzeitig im Raum sein.

Schwieriger kann es werden, wenn die zweite die erste immer wieder übertönt.

Wenn viele etwas gut finden

Der Blick von aussen beeinflusst nicht nur, wie ich mein eigenes Armband sehe. Er kann auch mitbestimmen, welche Dinge mir überhaupt auffallen oder nachahmenswert erscheinen.

Eine bestimmte Farbkombination taucht immer wieder auf. Viele Menschen tragen ähnliche Armbänder. Ein Video hat besonders viele Aufrufe und die Person darin wird von sehr vielen Menschen verfolgt.

Auch das kann zu einem Orientierungssignal werden.

Nicht weil viele Follower automatisch bedeuten, dass eine Idee gut ist. Und auch nicht, weil Kinder alles übernehmen, was bekannte Menschen vormachen.

Sichtbare Zustimmung kann aber dazu beitragen, dass etwas wichtiger, interessanter oder selbstverständlicher erscheint.

Dabei können auch Menschen zu Orientierungspunkten werden, die ein Kind gar nicht persönlich kennt. Was sie zeigen und was darum herum an Reaktionen sichtbar wird, steht plötzlich neben den Erfahrungen aus dem eigenen Umfeld.

Vielleicht entsteht dabei gar nicht bewusst der Gedanke:

„So viele finden das gut, also muss es richtig sein.“

Vielleicht wirkt es viel leiser.

So macht man das gerade. So sieht es offenbar schön aus.

Und irgendwann kann es schwieriger werden wahrzunehmen, was aus der eigenen Einschätzung kommt und was durch die vielen sichtbaren Bewertungen von aussen hinzugekommen ist.

Das beginnt nicht erst mit einem eigenen Social-Media-Konto

Kinder begegnen sichtbarer digitaler Rückmeldung heute häufig schon früher.

Kurze Videos zeigen, welche Inhalte viel Aufmerksamkeit bekommen. Spiele reagieren unmittelbar auf Handlungen. Auch Lernprogramme können mit Punkten, Sternen, Fortschrittsanzeigen oder anderen Spielelementen arbeiten.

Diese Systeme sind nicht dasselbe.

Ein Stern in einer Lernapp erfüllt eine andere Funktion als ein Like unter einem Video. Eine Rückmeldung kann dort motivieren, einen Lernfortschritt sichtbar machen oder einfach anzeigen, dass etwas gelungen ist.

Gemeinsam ist diesen Erfahrungen nur, dass Rückmeldung unmittelbar und sichtbar werden kann.

In anderen digitalen Umgebungen können weitere Formen dazukommen. Likes, Aufrufe, Kommentare, Follower oder Trends.

Dadurch wird die Meinung anderer nicht erst wichtig.

Sie wird aber leichter sichtbar, vergleichbar und zählbar.

Und später, als es wieder nur mein Armband ist

Am Abend liegt das Armband noch auf dem Tisch.

Kein Video läuft daneben. Niemand sagt etwas dazu und keine Zahl zeigt, wie viele Menschen eine andere Farbkombination schöner finden.

Ich nehme es noch einmal in die Hand.

Vielleicht gefällt mir die orange Perle immer noch.

Vielleicht merke ich aber auch, dass ich tatsächlich etwas verändern möchte. Vielleicht habe ich in einem der Videos eine Kombination entdeckt, die mir selbst besser gefällt. Vielleicht probiere ich beim nächsten Armband etwas davon aus.

Auch das gehört dazu.

Andere Menschen dürfen meinen Blick verändern. Ich darf etwas Neues entdecken, meine Meinung überdenken oder eine Idee übernehmen.

Der eigene Massstab bedeutet nicht, immer bei der ersten Einschätzung bleiben zu müssen.

Vielleicht geht es eher darum, wahrnehmen zu können, warum sich etwas verändert hat. Weil ich selbst etwas Neues gesehen habe, weil mir jemand eine andere Möglichkeit gezeigt hat oder weil viele sichtbare Reaktionen in meine Einschätzung hineingespielt haben.

Mehreres kann gleichzeitig da sein.

Und manchmal hilft etwas Abstand, um wieder besser zu spüren, was ich selbst davon halte.

Die orange Perle muss dabei nicht bleiben.

Aber sie muss auch nicht verschwinden, nur weil andere eine andere gewählt hätten.

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