Wenn von aussen viel ankommt

Heute ist das grosse Familienfest. Ich freue mich riesig auf alle. Trotzdem fühlt es sich gerade eigenartig an, weil auf einmal sehr viel gleichzeitig bei mir ankommt.

Heute ist das grosse Familienfest, von dem wir schon seit Monaten reden. Viele haben bei der Planung geholfen, Kuchen gebacken, Salate vorbereitet und überlegt, wer was mitbringt. Endlich ist es so weit.

Schon als wir ankommen, höre ich Stimmen aus dem Garten. Jemand lacht laut, Teller klappern, irgendwo läuft Musik und von der Terrasse zieht der Geruch nach Kuchen und nach dem Essen herüber, das später auf den Grill kommt.

Ich freue mich riesig auf alle. Wir haben uns lange nicht gesehen, und besonders meiner Cousine möchte ich etwas erzählen. Ich sehe sie schon im Garten. Sie entdeckt mich im gleichen Moment und winkt mir aufgeregt zu. Wir gehen aufeinander zu und wären fast ineinandergelaufen.

Doch mitten auf dem Weg begrüsst mich jemand. Dann hält mich eine Tante auf und fragt, wie es mir geht. Ich schaue zu meiner Cousine hinüber. Auch sie wird aufgehalten, lacht und schaut immer wieder in meine Richtung. Irgendwann ruft sie meinen Namen, aber ich höre es beinahe nicht mehr. Mehrere Menschen sprechen gleichzeitig, der Hund läuft zwischen den Stühlen hindurch, jemand stellt Gläser auf den Tisch und von der Seite werde ich gefragt, ob ich etwas trinken möchte.

Eigentlich wollte ich meiner Cousine gerade etwas erzählen. Der Gedanke war eben noch da, aber jetzt weiss ich plötzlich nicht mehr, was es war.

In mir steigt etwas auf, das ich noch nicht richtig greifen kann. Es ist ein schönes Fest, und ich bin gerne hier. Trotzdem fühlt es sich gerade eigenartig an, weil auf einmal sehr viel gleichzeitig bei mir ankommt.

Wenn wir genauer hinschauen

Auf einem Fest können viele Dinge gleichzeitig passieren. Menschen reden miteinander, jemand spricht uns direkt an, Musik läuft, etwas bewegt sich im Augenwinkel und nebenbei versuchen wir vielleicht noch, einen eigenen Gedanken festzuhalten. Jeder einzelne dieser Eindrücke kann für sich genommen völlig in Ordnung sein. Zusammen können sie trotzdem viel Aufmerksamkeit beanspruchen.

Gerade wenn mehrere Menschen gleichzeitig sprechen, kann es schwieriger werden, einer Stimme zu folgen oder einen eigenen Gedanken festzuhalten. Sprachgeräusche verschwinden nicht einfach, nur weil wir uns gerade auf etwas anderes konzentrieren möchten. Je nachdem, was wir gleichzeitig tun wollen, kann das unterschiedlich viel Aufmerksamkeit brauchen.¹ ² ³

Vielleicht kennen wir das von uns selbst: Gerade wussten wir noch genau, was wir sagen wollten. Dann kommt eine Frage dazwischen, jemand ruft unseren Namen und plötzlich ist der Gedanke nicht mehr greifbar.

So war es gerade bei mir. Ich wollte meiner Cousine unbedingt etwas erzählen, aber bevor ich dazu kam, kamen immer neue Stimmen, Fragen und Bewegungen hinzu. Meine Freude auf sie ist deshalb nicht verschwunden. Vielleicht war es einfach gerade viel, um alles gleichzeitig weiter im Blick zu behalten.

Auch innen kann vieles gleichzeitig da sein

Während von aussen immer mehr ankommt, hören die anderen Dinge in mir nicht einfach auf. Ich freue mich noch immer darauf, meine Cousine zu sehen, bin neugierig, wer noch kommt, und freue mich auf den Kuchen. Gleichzeitig merke ich, dass mein Kopf gerade voll wird.

Manches davon lässt sich sofort benennen. Für anderes fehlen mir zunächst die Worte. Gefühle und Gedanken liegen innen nicht immer ordentlich nebeneinander. Sie können sich überlagern, miteinander vermischen oder unterschiedlich stark spürbar sein. Vielleicht ist da Freude, vielleicht Müdigkeit, vielleicht der Wunsch nach Nähe und gleichzeitig das Bedürfnis, für einen Moment weniger Stimmen zu hören.

Manchmal ist zuerst gar kein eindeutiges Gefühl da. Vielleicht ist zunächst nur der Eindruck: Gerade ist viel.

Auch das kann eine wichtige Wahrnehmung sein. Nicht alles muss sofort sortiert und benannt werden, bevor es ernst genommen werden darf.

Ein Ort, an dem nicht noch mehr dazukommt

Ich schaue in Richtung Gartenhaus. Dort stehen ein paar Kissen, alte Gartenspiele und eine Decke. Die Stimmen aus dem Garten sind auch dort noch zu hören, aber sie wirken weiter weg.

Kurz überlege ich, ob ich allein gehen möchte, und schaue noch einmal zu meiner Cousine. Vielleicht hole ich sie später. Vielleicht möchte ich auch gleich wieder zu ihr zurück. Für den Moment gehe ich erst einmal ein paar Schritte in Richtung Gartenhaus.

Der Hund trottet hinter mir her. An der Tür bleibe ich stehen und sehe ihn an. Heute darf er mit.

Mama hat mir einmal vom leisen Zaubernebel erzählt. Damals war da ein Gefühl in meinem Bauch, für das ich noch keinen Namen hatte. Sie hat nicht gesagt, was ich tun muss. Sie hat mir nur ein Bild gegeben: einen Ort, an dem für einen Moment weniger von aussen ankommt.

Heute ist dieser Ort das Gartenhaus. An einem anderen Tag könnte es mein Zimmer sein, mein Bett, ein Platz etwas abseits oder ein kurzer Weg durch den Garten. Vielleicht sind Kopfhörer dabei, ein vertrauter Gegenstand oder mein Kuscheltier. Vielleicht wäre es schön, jemanden bei mir zu haben. Vielleicht möchte ich gerade niemanden sehen.

Denn ich entscheide, wer oder was mit in meinen Zaubernebel darf. Wie dieser Ort aussieht, kann sich verändern. Heute darf der Hund mit, morgen vielleicht meine Cousine. Oder mein Kuscheltier, Musik oder niemand.

Der Zaubernebel gibt dafür keine feste Lösung vor. Er beschreibt einen Ort, an dem für einen Moment weniger von dem hinzukommen kann, was mich gerade zusätzlich beansprucht.

Erst einmal muss nichts klar werden

Im Gartenhaus setze ich mich auf ein Kissen. Der Hund legt sich neben mich. Draussen reden die anderen weiter, aber hier stellt mir gerade niemand eine neue Frage. Ich höre die Stimmen noch, nur nicht mehr so unmittelbar wie vorher.

Ich muss jetzt nicht herausfinden, welches Gefühl genau da ist. Ich muss nichts erklären und auch noch nicht entscheiden, wann ich wieder hinausgehe. Für diesen Moment reicht es, dass ich merke, wie es mir hier gerade geht.

Manchmal kann ein solcher Abstand helfen, die eigenen Gedanken wieder besser wahrzunehmen. Nicht, weil plötzlich alles klar wird, sondern weil für eine Weile weniger Neues dazwischenkommt.

Vielleicht taucht der Gedanke wieder auf, den ich vorher verloren habe. Vielleicht fällt mir etwas anderes auf. Vielleicht ist da zuerst einfach nur Ruhe. Und vielleicht verändert sich zunächst gar nichts.

Der Rückzug muss nichts lösen. Er darf erst einmal einfach ein Ort sein, an dem nicht noch mehr dazukommt.

Vielleicht wird etwas deutlicher

Nach einer Weile merke ich, dass ich mich immer noch auf das Fest freue. Ich möchte meine Cousine noch immer sehen und gleichzeitig noch ein bisschen im Gartenhaus bleiben.

Vielleicht waren es vor allem die vielen Stimmen. Vielleicht die Fragen, die von verschiedenen Seiten kamen. Vielleicht bin ich müde oder brauche gerade etwas Abstand. Vielleicht ist es noch etwas anderes, für das ich im Moment kein Wort finde.

Auch das darf sein.

Wie genau wir wahrnehmen und benennen können, was innen gleichzeitig da ist, entwickelt sich über Kindheit und Jugend weiter. Das geschieht nicht einfach Schritt für Schritt und nicht bei allen gleich. Manchmal lassen sich Gefühle sehr genau unterscheiden, in anderen Momenten bleibt zunächst nur ein allgemeiner Eindruck davon, wie es einem gerade geht.⁴ ⁵

Vielleicht entsteht ein klares Wort. Vielleicht bleibt zunächst nur die Ahnung, dass etwas gerade anders sein sollte. Und manchmal bleibt einfach die Wahrnehmung: So, wie es gerade ist, passt es für mich nicht mehr ganz.

Auch das kann reichen.

Wahrnehmen darf zuerst reichen

Vielleicht gehe ich nach fünf Minuten wieder hinaus. Vielleicht hole ich meine Cousine und wir setzen uns gemeinsam auf die Decke. Vielleicht gehe ich mit dem Hund eine Runde durch den Garten oder setze mich später etwas abseits zu den anderen. Vielleicht möchte ich irgendwann wieder mitten im Trubel sein – vielleicht heute noch nicht.

Keiner dieser Wege muss vorher feststehen. Der Zaubernebel gibt keine Richtung vor. Er lässt einen kleinen Raum entstehen, in dem meine eigene Wahrnehmung wieder etwas mehr Platz bekommen kann.

Was daraus folgt, entscheide ich.

Wer mit in meinen Zaubernebel darf

Der Zaubernebel ist mein Rückzugsort. Deshalb darf ich auch entscheiden, wie er heute aussieht und wer oder was mich dorthin begleitet. Vielleicht ist es der Hund, vielleicht meine Cousine, mein Kuscheltier oder etwas Vertrautes in meiner Hand. Vielleicht möchte ich allein sein.

Ich entscheide, wer oder was mit in meinen Zaubernebel darf. Das kann heute anders sein als morgen, und auch das gehört dazu.

Weniger muss nicht bedeuten, dass alles still ist oder dass niemand mehr da sein darf. Es bedeutet nur: Von dem, was mich gerade zusätzlich beansprucht, darf für einen Moment weniger hinzukommen.

Wenn das Eigene wieder mehr Raum bekommt

Draussen geht das Fest weiter. Die Gespräche sind noch da, der Kuchen steht auf dem Tisch und meine Cousine wartet vielleicht schon darauf, dass ich ihr erzähle, was ich vorhin sagen wollte.

Nichts davon musste verschwinden. Vielleicht brauchte ich nur einen Moment, in dem nicht noch mehr zu mir kam. Vielleicht wird dadurch etwas von dem, was innen bereits da war, wieder ein wenig deutlicher.

Vielleicht finde ich Worte für das, was gerade passiert ist. Vielleicht erst später. Vielleicht merke ich einfach, dass ich wieder zu den anderen möchte – oder dass ich noch etwas länger im Gartenhaus bleiben will.

Der Zaubernebel entscheidet das nicht für mich. Er lässt mir nur einen kleinen Raum, in dem ich wieder mehr bei mir sein kann.

Und vielleicht reicht das für den Moment bereits aus.

Quellen

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