Wenn Unterstützung auch Raum lassen kann
Wenn ein Kind etwas eigentlich kann und es trotzdem nicht gleich gelingt.
Die Jacke ist angezogen, die Tasche steht bereit. Eigentlich könnte es losgehen. Nur die Schuhe fehlen noch.
Auf der untersten Treppenstufe sitzt Alex und versucht, seine Schnürsenkel zu binden. Eine Schlaufe entsteht, rutscht auseinander und der Versuch beginnt von vorn.
Die Zeit wird langsam knapp. Ich stehe daneben, werde nervös und fange unbewusst an, mit dem Fuss zu wippen. Dabei weiss ich, dass ich ruhig bleiben möchte. Alex bemüht sich ja. Also sage ich lieber: «Komm, ich helfe dir.»
Alex schaut mich fast schon zornig an. Dann platzt es aus ihm heraus.
«Nein, ich will das selber machen!»
Puh, das war direkt und klar.
Dabei war meine Hilfe doch freundlich gemeint. Ich möchte ihm nur die Schwierigkeit abnehmen. Und ein bisschen geht es natürlich auch darum, dass wir endlich loskommen.
Ich weiss, dass Alex seine Schuhe längst selbst binden kann. Gestern hat es schliesslich auch funktioniert. Warum klappt es ausgerechnet heute nicht?
Wieder schaue ich auf die Uhr.
Eigentlich möchte ich ihm die Zeit geben, es selbst zu versuchen. Ich weiss, wie stolz er sein kann, wenn er etwas aus eigener Kraft geschafft hat.
Aber wie viel Zeit braucht er dafür noch?
Vielleicht liegt genau hier ein Unterschied, den wir im Alltag leicht übersehen. Etwas zu können bedeutet nicht, dass es in jeder Situation gleich gut gelingt.
Zwischen Können und Anwenden
Wir orientieren unsere Erwartungen häufig daran, wie alt ein Kind ist und was es bereits gelernt hat. Wenn etwas einmal gelungen ist, gehen wir irgendwann davon aus, dass es nun selbstverständlich immer wieder funktionieren müsste.
Dabei liegt zwischen dem Erlernen einer Fähigkeit und ihrer zuverlässigen Anwendung im Alltag manchmal ein längerer Weg.
Wir kennen den Spruch «Übung macht den Meister». Trotzdem fällt es uns im Alltag nicht immer leicht, daran zu denken. Vor allem dann nicht, wenn eine Aufgabe längst vertraut erscheint.
Für Erwachsene ist das Binden von Schuhen meist ein automatischer Ablauf. Wir müssen kaum noch darüber nachdenken, welcher Handgriff als Nächstes kommt. Unsere Hände erledigen vieles, während wir gedanklich schon beim nächsten Termin sind.
Für ein Kind kann dieselbe Tätigkeit noch ganz anders aussehen.
Die Schnürsenkel müssen festgehalten, Bewegungen aufeinander abgestimmt und mehrere Handlungsschritte in der richtigen Reihenfolge ausgeführt werden. Wenn ein Schritt misslingt, muss vielleicht ein Teil des Ablaufs wiederholt werden.
Ähnlich ist es beim Anziehen, beim Packen der Schultasche oder beim Aufräumen eines Zimmers.
Das Kind weiss vielleicht genau, was am Ende entstehen soll. Vielleicht kennt es sogar jeden einzelnen Schritt. Trotzdem kann es schwierig sein, alles in der richtigen Reihenfolge umzusetzen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Arbeitsgedächtnis.
Es hilft uns, Informationen für kurze Zeit verfügbar zu halten, während wir etwas tun. Wir brauchen es beispielsweise, um uns zu merken, was wir gerade erledigen, was noch fehlt und welcher Schritt als Nächstes folgen soll.
Die Fähigkeiten, die wir dafür brauchen, entwickeln sich über viele Jahre weiter. Dabei gibt es individuelle Unterschiede.
Bei manchen Kindern beanspruchen mehrschrittige Abläufe besonders viel Aufmerksamkeit, obwohl die einzelnen Handlungsschritte längst bekannt sind.
Ein Kind kann also wissen, wie etwas funktioniert, und trotzdem Mühe haben, dieses Wissen im entscheidenden Moment anzuwenden.
Hinzu kommt, dass wir unsere Fähigkeiten nicht jeden Tag unter denselben Bedingungen abrufen.
Müdigkeit, Ablenkung, Aufregung oder Zeitdruck können verändern, wie viel Aufmerksamkeit für eine Handlung zur Verfügung steht.
Was gestern noch selbstständig funktioniert hat, kann heute wieder mehrere Anläufe brauchen.
Wenn Erwartungen auf den Alltag treffen
Für Erwachsene ist das nicht immer leicht nachzuvollziehen.
Wir sehen eine Aufgabe, die ein Kind bereits beherrscht. Wir wissen, dass es die einzelnen Schritte kennt. Und wir möchten helfen, wenn es trotzdem nicht weiterkommt.
Manchmal entstehen daraus Sätze, die uns ganz selbstverständlich erscheinen.
«Das kannst du doch schon.»
«Gestern hat es doch auch funktioniert.»
«Komm, ich mache es schnell.»
Solche Sätze müssen weder ungeduldig noch vorwurfsvoll gemeint sein. Vielleicht steht der nächste Termin bevor. Vielleicht möchten wir Frustration vermeiden. Vielleicht sehen wir einfach eine Möglichkeit, die Situation zu erleichtern.
Doch was für Erwachsene eine praktische Lösung ist, kann sich für ein Kind anders anfühlen.
Vielleicht erlebt es gerade, wie viel Anstrengung eine scheinbar einfache Aufgabe kostet. Vielleicht ist es selbst enttäuscht, weil etwas nicht gelingt, das gestern noch funktioniert hat.
Und vielleicht möchte es vor allem zeigen, dass es die Aufgabe aus eigener Kraft schaffen kann.
Wenn dann Hilfe angeboten wird, kann sich das wie eine zusätzliche Erwartung anfühlen. Als müsste es eigentlich schon weiter sein. Als wäre der eigene Versuch nicht ausreichend.
Ein Hilfsangebot kann aber genauso gut entlasten, Sicherheit geben und genau im richtigen Moment kommen.
Manchmal treffen einfach zwei unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander.
Der Erwachsene möchte unterstützen und die Situation erleichtern. Das Kind möchte selbst handeln und die eigene Fähigkeit erproben.
Beide Perspektiven sind nachvollziehbar.
Was hinter einer abgelehnten Hilfe steht, lässt sich allerdings nicht immer von aussen erkennen. Vielleicht möchte das Kind weitermachen. Vielleicht ist es frustriert oder bereits überfordert.
Ein «Ich will das selber machen» sagt uns deshalb noch nicht alles darüber, was das Kind gerade braucht.
Warum der eigene Versuch mehr ist als ein Weg zum Ergebnis
Wenn wir einem Kind eine Aufgabe abnehmen, ist das Ergebnis häufig schneller erreicht.
Die Schuhe sind gebunden. Die Tasche ist gepackt. Das Zimmer ist aufgeräumt.
Damit ist die Aufgabe erledigt.
Für das Kind kann jedoch etwas fehlen, das über dieses Ergebnis hinausgeht.
Kinder lernen nicht ausschliesslich dadurch, dass ihnen jemand zeigt oder erklärt, wie etwas funktioniert. Sie lernen auch, indem sie selbst handeln, ausprobieren, wiederholen und ihre Vorgehensweise verändern.
Beim eigenen Tun entstehen Erfahrungen, die sich nicht vollständig durch eine Erklärung ersetzen lassen.
Wie fest muss ich den Schnürsenkel halten? Was passiert, wenn ich die Schlaufe anders greife? An welcher Stelle verliere ich den Faden?
Vielleicht gelingt beim nächsten Versuch nur ein einzelner Schritt besser. Vielleicht funktioniert es noch immer nicht. Vielleicht entdeckt das Kind aber etwas, das ihm bei einem späteren Versuch hilft.
Wiederholungen können dazu beitragen, dass einzelne Handlungsschritte vertrauter werden und sich allmählich miteinander verbinden.
Was von aussen wie ein erneutes Scheitern aussieht, kann deshalb trotzdem Teil eines Lernprozesses sein.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder weitere Versuch hilfreich ist.
Manchmal ist ein Kind nach mehreren Anläufen erschöpft. Vielleicht verliert es den Überblick oder die Frustration wird so gross, dass es kaum noch weiterkommt. Dann kann eine Erklärung, eine gemeinsame Handlung oder eine Pause hilfreicher sein als erneutes Ausprobieren.
Selbstständigkeit bedeutet nicht, alles ohne Hilfe schaffen zu müssen.
Mit der Zeit kann Selbstständigkeit auch darin wachsen, Unterstützung anzunehmen oder selbst danach zu fragen.
Manchmal genügt ein Hinweis auf den nächsten Schritt. Für manche Kinder ist es hilfreicher, etwas gemeinsam zu beginnen. Und manchmal ist es sinnvoll, die Aufgabe vollständig zu übernehmen.
Auch eine vollständig übernommene Aufgabe kann in diesem Moment die passende Unterstützung sein. Sie sagt nicht automatisch etwas darüber aus, was ein Kind grundsätzlich kann oder künftig lernen wird.
Entscheidend ist nicht, wie wenig Erwachsene eingreifen, sondern wie gut die Unterstützung zur aktuellen Situation passt.
Raum lassen und Bedingungen schaffen
Wenn wir eine Schwierigkeit beobachten, entsteht oft unmittelbar der Wunsch, etwas zu tun.
Eine Lösung vorzuschlagen, den nächsten Schritt zu erklären oder die Aufgabe selbst zu übernehmen.
Innehalten kann diesen automatischen Ablauf für einen Moment unterbrechen.
Es schafft Raum, um genauer hinzusehen.
Ist das Kind noch mit seiner Aufgabe beschäftigt? Sucht es nach einem eigenen Weg? Möchte es Unterstützung oder braucht es zunächst die Gelegenheit, einen weiteren Versuch zu unternehmen?
Dabei bedeutet Innehalten nicht, sich zurückzuziehen oder ein Kind mit seiner Schwierigkeit allein zu lassen.
Ein Erwachsener kann in der Nähe bleiben, aufmerksam sein und Unterstützung anbieten, ohne sofort in die Handlung einzugreifen.
Manchmal lässt sich auch schon vorher etwas verändern.
Vielleicht kann eine neue oder noch unsichere Tätigkeit zunächst in einer ruhigeren Situation geübt werden. Vielleicht hilft eine übersichtliche Umgebung, in der nicht mehrere Dinge gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen.
Oder es gelingt, für bestimmte Abläufe etwas mehr Zeit einzuplanen, damit ein zusätzlicher Versuch nicht unmittelbar mit dem Blick auf die Uhr verbunden ist.
Solche Bedingungen können es Kindern erleichtern, eigene Erfahrungen zu sammeln. Doch sie lassen sich nicht immer schaffen.
Manchmal wartet ein Geschwisterkind. Der Bus fährt in wenigen Minuten. Die Arbeit beginnt zu einer festen Zeit. Oder ein Termin lässt sich schlicht nicht verschieben.
Dann bleibt die Zeit knapp, auch wenn wir uns noch so sehr wünschen, dass unser Kind etwas in Ruhe selbst ausprobieren kann.
In solchen Momenten darf Unterstützung auch bedeuten, eine Aufgabe zu übernehmen, ohne daraus eine Bewertung des Kindes oder seines Versuchs zu machen.
Vielleicht findet sich später eine andere Gelegenheit zum Üben. Vielleicht braucht das Kind heute einfach Entlastung.
Eine passende Umgebung zu schaffen bedeutet nicht, dass Erwachsene jeden Alltag so organisieren müssen, dass immer genügend Zeit und Ruhe vorhanden sind.
Es geht vielmehr darum, vorhandene Möglichkeiten wahrzunehmen, ohne aus ihnen eine weitere Verpflichtung zu machen.
Wenn mehrere Gefühle gleichzeitig da sind
Zurück zu Alex auf der Treppenstufe.
Vielleicht ist er inzwischen frustriert. Die Schnürsenkel wollen einfach nicht so liegen bleiben, wie sie sollten. Trotzdem möchte er es noch einmal versuchen.
Darin liegt kein Widerspruch.
Ein Kind kann sich darüber ärgern, dass etwas nicht gelingt, und gleichzeitig stolz darauf sein, es selbst zu versuchen.
Es kann Hilfe ablehnen und sich trotzdem wünschen, dass jemand in der Nähe bleibt.
Es kann sich über einen kleinen Fortschritt freuen, obwohl das eigentliche Ziel noch nicht erreicht ist.
Gefühle müssen nicht immer eindeutig sein. Unterschiedliche Empfindungen können nebeneinander bestehen und sich im Verlauf einer Situation verändern.
Die Frustration sehen wir vielleicht sofort. Den Stolz auf den eigenen Versuch erkennen wir von aussen weniger leicht.
Auch beim Erwachsenen kann mehr als ein Gefühl vorhanden sein.
Ich kann mich darüber freuen, dass Alex selbstständig sein möchte, und gleichzeitig ungeduldig werden, weil die Zeit knapp ist.
Ich kann ihm zutrauen, dass er die Aufgabe schafft, und trotzdem den Impuls verspüren, sie ihm abzunehmen.
Das eine macht das andere nicht weniger echt.
Wir müssen diese Gefühle nicht gegeneinander aufwiegen. Und wir müssen auch nicht von aussen festlegen, welches Gefühl für das Kind gerade im Vordergrund steht.
Vielleicht möchte Alex irgendwann darüber sprechen. Vielleicht ist er aber auch einfach mit seinen Schnürsenkeln beschäftigt.
Nicht jedes Gefühl braucht sofort einen Namen oder eine Erklärung.
Die Schuhe fehlen noch immer
Alex sitzt noch auf der Treppenstufe.
Ich schaue wieder auf die Uhr. Wir sollten wirklich langsam los.
Seine Hände sind noch immer mit den Schnürsenkeln beschäftigt. Eine Schlaufe entsteht. Diesmal hält sie etwas länger, bevor sie wieder auseinanderfällt.
Ich möchte schon wieder etwas sagen.
Vielleicht könnte ich ihm einfach schnell helfen. Dann wären wir endlich bereit.
Aber ich sehe auch, dass Alex noch nicht aufgegeben hat. Er schaut auf seine Schuhe und beginnt erneut.
Vielleicht ist es gerade dieser eigene Versuch, der ihm wichtig ist.
Ich weiss nicht, ob es beim nächsten Mal klappt. Vielleicht wird er gleich um Hilfe bitten. Vielleicht werden wir die Schuhe heute gemeinsam binden.
Und vielleicht gelingt es ihm doch noch allein.
Was ich jetzt anders wahrnehme, ist nicht die Aufgabe. Die Schuhe müssen noch immer gebunden werden, und die Zeit ist weiterhin knapp.
Aber zwischen dem, was Alex schon kann, und dem, was ihm in diesem Moment gelingt, liegt möglicherweise mehr, als ich von aussen sehen kann.
Vielleicht braucht er noch einen Versuch. Vielleicht eine kleine Erinnerung. Vielleicht meine Hilfe.
Und wenn wir jetzt wirklich losmüssen, kann ich ihm die Schuhe auch einfach binden. Das nimmt ihm nicht die Fähigkeit, es beim nächsten Mal wieder selbst zu versuchen.
Ich muss also nicht zwischen zwei grundsätzlich richtigen oder falschen Wegen entscheiden.
Ich kann zunächst wahrnehmen, wie es Alex gerade geht und was die Situation zulässt.
Seine Finger greifen erneut nach den Schnürsenkeln.
Ich bleibe einen Moment neben ihm stehen.
Diesmal ohne mit dem Fuss zu wippen.
Und warte ab, was als Nächstes passiert.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Gedanken dieses Artikels stützen sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse zur Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses, zur Bedeutung von Eigenständigkeit und zu einer Unterstützung, die sich an den jeweiligen Bedürfnissen eines Kindes orientiert.
Die beschriebenen Alltagssituationen sind mögliche Einordnungen dieser Erkenntnisse und keine direkten Ergebnisse einzelner Studien.